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Ljungqvist: Genmanipulation «schon in fünf Jahren»
Tübingen (dpa) - Arne Ljungqvist, der Vorsitzende der
Anti-Doping-Kommission im Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF),
befürchtet den baldigen Einsatz von Gen-Doping. «Ich habe Angst, dass wir es
schon in fünf Jahren im Sport haben», sagte der Schwede bei einer
Veranstaltung der Universität Tübingen.
Allerdings sei der Sport inzwischen besser auf diese Entwicklung vorbereitet
als zu Beginn des Anti-Doping-Kampfs. Anhand einer Statistik des Jahres
2000, die Ljungqvist zitierte, waren von den weltweit 117314 genommenen
Doping-Proben 2229 (1,8 Prozent) positiv.Davon entfielen 38 Prozent auf
Anabolika. Die meisten Kontrollen seien in der Leichtathletik (14872)
vorgenommen worden, es folgen Fußball (13568), Radsport (12216) und
Schwimmen (5779). «In einer Sportart, die so breit betrieben wird, müssten
viel mehr Tests gemacht werden», kritisierte Ljungqvist die
Fußball-Organisationen. Die Zahl der positiven Nandrolon-Fälle hätte
lediglich in Großbritannien zugenommen, jedoch nicht - wie immer wieder
behauptet wird - insgesamt. Nachdem in den letzten Jahren neben Anabolika
vor allem
Wachstumshormone sowie Blut- und
EPO-Doping zur Anwendung kamen, steht dem Sport in den nächsten
Jahren offensichtlich auch die Gen-Manipulation zur Leistungssteigerung
bevor. Während der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und
Prävention, Hans-Hermann Dickhuth (Tübingen), den Einsatz von Genen zur
Steuerung von physiologischen Parametern in zehn Jahren für denkbar hält,
befürchtet Ljungqvist eine raschere Entwicklung. Heftig kritisierte
IAAF-Vize-Präsident Helmut Digel (Tübingen) die Pharmaindustrie. Sie sei
bislang nicht bereit, den Anti-Doping-Kampf zu unterstützen. So verweigere
diese jegliche Bereitschaft zur Mitfinanzierung bei der Einrichtung der
Nationalen Anti-Doping- Agentur (NADA). Ljungqvist hält das schwedische
Modell des Anti-Doping-Kampfs mit einem Sportgericht, das aus anerkannten
Juristen besteht und für alle Probleme der Sportgerichtsbarkeit
verantwortlich ist, für sinnvoll. «Unsere Zivilgerichte halten sich an die
Urteile des Sportgerichts, wenn dort die Regeln eingehalten worden sind», so
der IAAF-«Vize».12. Dezember 2002
WADA-Konferenz beleuchtet Möglichkeiten des Gendopings
Eine Kombination aus Regularien, Erziehung und wiss.
Forschung ist die beste aktuelle Methode, die drohende Umsetzung des
Gendopings in die Realität zu verhindern, berichtete die World Anti-
Doping-Agency (WADA) nach einer 3tägigen Konferenz unter dem Thema „Genetic
Enhancement of Athletic Performance". Die Konferenz, 18.-20. März im
Branbury Center des Cold Spring Harbor Laboratory, Long Island, brachte
internationale Experten aus der Biologie und Genetik, Sportmediziner,
Politiker und Juristen sowie Vertreter der Olympischen Bewegung und Athleten
zusammen, um das aktuelle Wissen, die Technologien und ethische Probleme zu
diskutieren, die auf die Gesellschaft im Zusammenhang mit der Gentechnik
zukommen. „Die Gentherapie birgt ein enormes Potential in der Heilung
und/oder Verbesserung der Lebensqualität bei verschiedenen Krankheiten.
Unglücklicherweise kann aber dieselbe Technologie - wie in vielen anderen
Fällen
bekannt – auch zur Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit missbraucht
werden", sagte der Chairman der WADA
R.W. Pound. „Die WADA muss sich daher
mit einem möglichen Missbrauch der Gentechnologien im Sport
auseinandersetzen. Die gleichen Menschen, die heute zu Dopingmitteln
greifen, werden möglicherweise morgen genetische Verfahren anwenden. Die
WADA ist daher allen dankbar, die uns dabei unterstützen, unser Wissen auf
diesem Gebiet zu erweitern, damit wir darüber beraten können, wie man am
besten auf einen möglichen Missbrauch reagiert." „Es zeigte sich ein
bemerkenswerter Konsens zwischen Vertretern des Sports und Wissenschaftlern
hinsichtlich der großen Vorteile einer Gentherapiefür die gesamte
Gesellschaft, der Notwendigkeit eines klar abgesteckten Rahmens für
Aktivitäten auf diesem Gebiet und der Notwendigkeit, diesen sich neu
entwickelnden Forschungszweig gegenüber Missbrauch auf anderen Gebieten zu
schützen.
„Wir müssen betonen, dass die Gentherapie noch auf dem Stande der Forschung
ist, die zwar einen Segen für die Menschheit in der Zukunft verspricht,aber
noch
nicht in allen Konsequenzenvorhersehbar und noch nichtvon eindeutig
bewiesener Sicherheitist", sagte T.
Friedmann vom Zentrum für
Molekulargenetik in
San Diego, Kalifornien, „allerdings ist für Sportverbände und
Wissenschaftler der Zeitpunktrichtig, zu überlegen, wie einmöglicher
Missbrauch im Sport langfristig verhindert werden kann.
Die Konferenzteilnehmer kamen zu einer Reihe von Schlussfolgerungen und
Forderungen allgemeiner und sportspezifischer Art, von denen die wichtigsten
sportspezifischen im folgenden genannt werden sollen.
1) Genauso wie andere Mitglieder der Gesellschaft können auch Sportler bei
der Behandlung von Verletzungen und aus anderen medizinischen Gründen von
einer Gentherapie profitieren
2) Es besteht offensichtlich das Risiko, dass genetische Technologien
ähnlich wie die Dopingmittel der heutigen Generation zur Leistungssteigerung
im Sport
eingesetzt werden. Diesem Missbrauch muss mit entsprechenden Verboten
frühzeitig entgegnet werden.
3) Die Definition des Dopings, wie sie von WADA, IOC, den internationalen
Verbänden sowie nationalen Gremien verwandt wird, sollte um den
unangemessenen Gebrauch von Gentechnologien erweitert werden. 4) Ein Nutzen
der Gentechnologie besteht in der Möglichkeit, verbotene Substanzen und
Methoden aufzudecken
5) Die Wissenschaft hat die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung und
Verfeinerung von Nachweismethoden eines Missbrauchs von Gentechnologien im
Sport erkannt. Die Tagung stellte fest, dass eine Vielzahl von derartigen
Möglichkeiten bereits existiert oder in Entwicklung ist.
6) Der momentane Schwerpunkt der von der WADA bewilligten Forschungsgelder,
der Nachweis eines Missbrauchs Sauerstoff-transportierender Substanzen
und Wachstumsfaktoren, sollte erweitert werden auf Gentechnologien und ihre
Auswirkungen im Sport.
7) Die Dopingliste, die 2004 neu erstellt wird sollte das Verbot eines
Einsatzes von Gentechnologien zur Leistungssteigerung im Sport beinhalten.
8) Die WADA appelliert an alle Regierungen, die Schaffung eines allgemeinen
gesellschaftlichen Konsenses für die Anwendung von Gentransfertechnologien
auf
einen möglichen Missbrauch im Sport auszuweiten.
9) Die WADA ruft die Regierungen und Sportverbände auf, ethische und
pädagogische Programme zu entwickeln, die einem Missbrauch von
Gentechnologien im Sport vorbeugen.
Die WADA ist gerne bereit die Entwicklung und Verbreitung
derartiger Programme zu koordinieren.
WADA und die wissenschaftliche Vereinigung betonten zum
Abschluss der Konferenz, den hier begonnenen Dialog und die Beratung über
das Thema „Gentransfertechnologien" auch in Zukunft zu wollen.
Zusammenfassung einer Pressemeldung der WADA (U.K.)
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Neue Wege im Doping? EPO ade --- HIF-1 kommt!!??
K. Heinicke 1,
T. Hofer, R. H. Wenger2,
M. Gassmann
Die zelluläre Antwort
auf Sauerstoffmangel
The cellular
response to hypoxia
Institute für Physiologie und
Veterinärphysiologie, Universität Zürich, Schweiz
1 Division of Physiology, Department of Medicine, University of California,
San Diego, La Jolla, California
2 Carl-Ludwig-Institut für Physiologie, Universität Leipzig
Jahrgang 53, Nr. 10 (2002) DEUTSCHE ZEITSCHRIFT FÜR
SPORTMEDIZIN
Zusammenfassung
Erythropoiese wird induziert
durch Anämie, reduzierten Sauerstoffpartialdruck (pO2) z.B. in großer Höhe
und während körperlicher Belastung sowie durch andere Faktoren. Das
Glykoprotein Erythropoietin (Epo) ist
ein Hormon, welches die Proliferation, die Differenzierung und die Reifung
der erythroiden Zellen reguliert. Hypoxie erhöht die Epo-Konzentration im
Plasma, was zu einer Erhöhung des Erythrozytenvolumens und dadurch zu einem
verbesserten O2-Transport im Blut führt. Untersuchungen der Epo
Genregulation ergaben, dass ein allgemeiner Mechanismus existiert, der die
Induktion verschiedener Gene steuert, wenn der Organismus hypoxischen
Bedingungen ausgesetzt wird. Die Schlüsselfunktion in dieser O2-abhängigen
Genexpression übernimmt der Hypoxie- induzierbare Faktor-1 (HIF-1), ein
heterodimerer Transkriptionsfaktor, der aus einer α und einer β (auch ARNT
genannten) Untereinheit besteht. Die Aktivierung von HIF-1 ist abhängig von
der Hypoxie-bedingten Stabilisierung der α Untereinheit (HIF-1α), währenddem
die Stabilisierung von ARNT nicht von der O2-Konzentration betroffen ist.
Bis vor kurzem war nicht bekannt, wie Zellen die Abnahme der
O2-Konzentration wahrnehmen, was zur Stabilisierung von HIF-1α führt. Ein
erster Einblick in den Mechanismus, wie die Zelle O2-Konzentrationen misst,
erfolgte mit der Entdeckung einer Familie von O2-abhängigen
Prolylhydroxylasen, welche die Stabilität von HIF-1α beinflussen. Diese
Prolylhydroxylasen markieren HIF-1α unter normoxischen Bedingungen für den
proteasomalen Abbau, indem sie ihn an zwei spezifischen Prolinresten
modifizieren. Dieser Übersichtsartikel berichtet über die neusten
Erkenntnisse auf diesem Gebiet.
Medizinische Bedeutung
Kann HIF-1α direkt zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden?
Bereits untersucht wurden gentherapeutische Anwendungsmöglichkeiten,
die auf dem Transfer von HIF-1 Zielgenen wie VEGF (vascular endothelial
growth factor) oder Epo basieren (43, 49,
56). Der Gentransfer von VEGF, dem wichtigsten angiogenetischen
Wachstumsfaktor, wurde erfolgreich bei der Behandlung von ischämischen
Erkrankungen wie periphere arterielle Verschlusskrankheit, diabetische
Neuropathie und koronare Herzkrankheit eingesetzt (43, 49). Da HIF-1 die
Transkriptionsrate von VEGF und anderen angiogenetischen Wachstumsfaktoren
unter hypoxischen Umgebungsbedingungen bestimmt und koordiniert (50, 61),
sollte HIF-1 einen noch wirksameren Ansatzpunkt für die Gentherapie bieten
(24). Der HIF-1-Gentransfer würde auf einem übergeordneten, komplexeren
Niveau ansetzen und könnte somit physiologischer auf die lokale Angiogenese
wirken. Therapeutische Ansätze ergeben sich ebenfalls für die Wundheilung,
beispielsweise bei großflächigen Verbrennungen, wo Blutgefäße in
unmittelbarer Umgebung der Wundränder beschädigt sind. Hier könnte durch
Zugabe von HIF- 1
oder VEGF der Heilungsprozess beschleunigt werden. Im Gegensatz zu den
protektiven Effekten, die HIF-1 bei der Behandlung von ischämischen
Erkrankungen zeigt, kann HIF-1 auch eine pathologische Wirkung ausüben, in
dem es das Wachstum von Tumoren fördert (1). Ein solider Tumor durchläuft
während seines Wachstums einen O2-Mangelzustand,
der vor allem im Zentrum des Tumors offensichtlich wird. Um diesen O2-Mangel
auszugleichen, wird VEGF von den Tumorzellen hergestellt, was zu einer
Vaskularisierung führt und somit die Versorgung des Tumorgewebes mit O2 und
Nährstoffen gewährleistet (16). Ein intratumoraler Gentransfer eines sog.
antisense HIF-1α-Plasmids (54) ist eine von verschiedenen untersuchten
Strategien, um hypoxische Tumoren zu behandeln. Diese Technologie basiert
darauf, dass ein komplementärer RNA-Strang (antisense RNA) gentechnologisch
in der Zelle hergestellt wird, der den ursprünglichen, natürlich
vorkommenden RNA-Strang (sense RNA) erkennt, bindet und ihn somit
inaktiviert. Die Expression von HIF-1α-antisense RNA im Tumorgewebe führt zu
einer Senkung der VEGF Konzentration und darausfolgend der Kapillardichte.
Durch diese Methode konnten erste Erfolge mit der dauerhaften Rückbildung
von kleineren Tumoren erzielt werden.
Die Gentherapie bietet völlig neue Behandlungsstrategien
von noch unbekanntem Ausmaß. Momentan befinden wir uns erst am Beginn der
Forschungen, jedoch muss schon jetzt auf einen möglichen Missbrauch der
Gentechnologie zur Leistungssteigerung im Sport hingewiesen werden. Diesem
Missbrauch muss durch eine entsprechende Gesetzgebung sowie mit der
Durchführung von ethischen und pädagogischen Programmen auf der Grundlage
der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse frühzeitig vorgebeugt werden.
alles unter
http://www.zeitschrift-sportmedizin.de/images/heft1002/a01_10_02.pdf
Kampf dem Gen-Doping: Weltsport verschärft
Regeln
Hamburg (dpa) - Der Weltsport verschärft seinen Kampf gegen Gen-Doping. Zum
ersten Mal steht diese neue, besonders bedrohliche Doping-Methode auf der
Verbotsliste der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) und des Internationalen
Olympischen Komitees (IOC). Die vom 1. Januar an gültige Liste ermöglicht
als weitere Verschärfung eine nachträgliche Disqualifikation von Athleten
bei einem nachgewiesenen Doping-Vergehen nicht nur für einen Wettkampf,
sondern für die gesamte Veranstaltung. Diese Änderung ist auch die
Konsequenz aus dem Fall des für Spanien startenden Skilangläufers Johann
Mühlegg. Der gebürtige Allgäuer hatte bei den Olympischen Winterspielen in
Salt Lake City nach seinem positiven Dopingtest vor dem letzten Wettbewerb
lediglich die Goldmedaille über 50 km verloren. Die zuvor gewonnenen zwei
Goldmedaillen durfte Mühlegg jedoch behalten. Die neue Antidoping-Liste löst
die seit dem Mai 2001 gültige Fassung ab. Eine neue Liste soll im Jahr 2004
rechtzeitig vor den Olympischen Spielen in Athen als Ergebnis der
Welt-Antidoping- Konferenz vom 3. bis 5. März in Kopenhagen in Kraft gesetzt
werden. Das Gipfeltreffen des Weltsports soll außerdem einen neuen
Antidoping-Code verabschieden. Internationalen Sportverbänden und auch
Nationalen Olympischen Komitees (NOK) droht der Ausschluss von Olympischen
Spielen, wenn sie gegen dieses einheitliche Regelwerk grob verstoßen. Den
Regierungen soll bis 2006 Zeit gegeben werden, ihre Gesetzgebung den
Erfordernissen des neuen Codex anzupassen.3. Januar 2003
Sportmedizinkongress 2003 Abstract
Bernd Wolfarth,
Universitätsklinik Freiburg Rehabilitative und Präventive Sportmedizin
Gendoping
In zahlreichen epidemiologischen Studien und Zwillingsuntersuchungen konnte in
der Vergangenheit der Nachweis erbracht werden, daß sowohl die körperliche
Leistungsfähigkeit, als auch das Ansprechen auf körperliches Training zu einem
großen prozentualen Anteil durch das Erbgut weitergegeben werden. Mit Hilfe
moderner molekulargenetischer Methoden ist es nun möglich die Bedeutung
einzelner Gene für diese Eigenschaften zu untersuchen. Im Rahmen der Diskussion
um die Manipulation des Erbguts stellt sich allerdings auch die Frage ob dieses
Wissen zukünftig dazu mißbraucht werden kann, einzelne genetische Areale oder
das gesamte Genom im Sinne einer Leistungssteigerung im Sport zu verändern.
Innerhalb der Diskussion um mögliche Leistungsmanipulation mit Hilfe
gentechnologischer Methoden muß zuerst die Nomenklatur geklärt werden. Bereits
Realität ist der Einsatz gentechnisch produzierter Medikamente zur
Leistungssteigerung. Dies ist allerdings keine Veränderung menschlichen Erbguts
im Sinne eines sog. „Gendoping“, sondern die Nutzung der gentechnologischen
Methode zur industriellen Herstellung konventioneller Medikamente und ist daher
von dem
Begriff der Leistungsmanipulation durch in vivo Manipulation menschlichen
Erbguts abzugrenzen. In diesem Bereich ist theoretisch eine lokale, sog.
somatische oder postnatale Gentherapie, als auch eine sys temische oder
pränatale Genmanipulation im Sinne einer Klonierung vorstellbar. Bisher sind
beide Methoden in der Praxis nicht im Einsatz und über die rechtliche Zulassung
der Klonierung menschlichen Erbguts wird derzeit auf politischer Ebene
diskutiert. In der leistungssportlichen Praxis spielen diese Methoden bisher
noch keine Rolle und es ist unwahrscheinlich, daß in absehbarer Zeit die Fiktion
vom genmanipulierten Athleten Wirklichkeit wird.
http://www.sportmedizinkongress2003.de/frame.htm
Wege zum
Gendoping? IGF-1
Altern und lokale Wachstumsfaktoren
im Muskel
Der Muskel reagiert auf Belastung mit einer Größenzunahme. Im Gegensatz
dazu atrophiert der Muskel im Alter. Auch haben Tierstudien gezeigt, dass der
ältere Muskel weniger gut auf Verletzungen reagiert als ein jüngerer. Welche
Faktoren steuern diese Vorgänge? Die Achse Wachstumshormon - IGF (Insulin like
Growth Factor) spielt dabei sicher eine bedeutende Rolle. Die entsprechenden
zirkulierenden Hormone nehmen mit dem Alter ab. Allerdings produzieren viele
Gewebe wie auch der Muskel selber IGF-1 für autokrine und parakrine Aktionen.
Über genetische Manipulationen konnte gezeigt werden, dass das IGF-1
beträchtliche anabole Effekte im Muskel hat. Das IGF-1 liegt im Körper in
verschiedenen Isoformen vor. Eine für den Muskel typische Isoform reagiert
besonders auf mechanische Belastung und Schädigung der Muskelfaser und wird als
MGF (Mechanic Growth Factor) bezeichnet. Dieser steuert dann wie auch die
anderen IGFIsoformen im Muskel die Proteinsynthese und die Proliferation und
Ausdifferenzierung von Satellitenzellen. Diese Zellen sind normalerweise
mitotisch ruhig,
werden aber durch Überlastung oder Verletzung aktiviert. Satellitenzellen
stellen für das Muskelwachstum benötigte zusätzliche Kerne bereit. So besteht
auch eine klare Beziehung zwischen der Größe des Muskels und der Anzahl der
Kerne.
Wo liegt nun die Beeinträchtigung dieses Systems im Alter?
Injizierte man einen künstlichen Adenovirus in den EDL-Muskel, kam es zur
Überproduktion von IGF-1 (Ea-Isoform) im Muskel aber nicht im umgebenden Gewebe.
Nach 4 Monaten war
der Muskel bei jungen Tieren im Mittel um 15% größer und stärker als ein nicht
behandelter Muskel. Beim älteren Menschen betrug die Zunahme sogar 27% und
erreichte so nahezu die Werte des jungen Muskels.
Dieser Versuch belegt,
bestätigt durch weitere Untersuchungen, die entscheidende Rolle der muskulären
IGF-1 Ausschüttung für den Erhalt der Muskelmasse im Alter. Eine andere Studie
zeigte, dass in einem 5 Tage überlasteten Muskel die MGF-mRNA bei jungen Tieren
um 1200% hochreguliert wurde, während die Veränderung bei ältern Tieren nur ca.
500% betrug. Erste Ergebnisse beim Menschen bestätigen die schlechtere
Regulationsfähigkeit des MGF im Alter. Wenn der MGF der entscheidende lokale
Faktor für „Muskelreparaturen“ ist, bestätigt das die These, dass
kontraktionsbedingte Verletzungen die Ursache der altersbedingten Muskelatrophie
sind. So zeigt sich bei älteren Tieren bereits wenige Minuten wie auch einige
Tage nach exzentrischen Kontraktionen ein höherer Kraftverlust. Trainingsstudien
bei Älteren haben allerdings immer wieder gezeigt, dass auch der ältere Muskel
an Kraftbelastungen adaptieren kann. Es kommt zu einer Zunahme von Kraft und
Muskelgröße. In einer dieser Studie konnte bei 72-98jährigen Männern und Frauen
auch ein Anstieg des muskulären IGF-1 um 491% gefunden werden. Allerdings fehlen
hier Vergleichswerte, wie die Reaktion bei Jüngeren ausgesehen hätte.
U.K. ((Harridge SDR: Ageing and local growth factors in muscle. Scand J Sci
Sports 13 (2003) 34-39)
Wie ändert sich die Muskelfaserzusammensetzung mit dem
Alter
Die histologische Aufbereitung von Muskelbiopsien älterer Menschen zeigt eine
ausgeprägte Gruppierung vo Fasertypen, d.h. während beim jüngeren Menschen
verschiedene Fasertypen gleichmäßig über den Muskel verteilt sind, treten sie
beim älteren in sogenannten Clustern auf. Eine mögliche Erklärung könnte in den
kontinuierlichen Denervierungsprozessen mit anschließender teilweiser
Reaktivierung bestehen, die im Alter zu akzelerieren scheinen. Auch ist die
Faserabgrenzung im Schnitt beim Älteren nicht so exakt und klar sondern eher
etwas „verlaufener“, was vor allem bei den Typ II-Fasern auffällig ist. Dies
könnte ein Zeichen für den beginnenden Untergang von den Muskelfasern sein, die
im Alter weniger gebraucht werden und Hinweise auf Interventionsmöglichkeiten
(Krafttraining) geben. Ähnliches spiegelt auch die Atrophieentwicklung wider,
die für die roten Fasern bei 88jährigen 25% und bei den weißen 57% betrug.
Die Kapillardichte nimmt beim älteren Muskel ab, wenn man die Anzahl der
Kapillaren auf die Anzahl der Muskelfasern bezieht.
Berücksichtigt man aber das Verhältnis zum Muskelquerschnitt, bleibt sie im
Alter konstant oder nimmt sogar zu. Die Anzahl der motorischen Einheiten nimmt
mit dem Alter ab und dies beschleunigt ab einem Alter von 60 Jahren. Zunächst
betrifft dies in erster Linie weiße Muskelfasern (so dass sich die prozentuale
Zusammensetzung zunächst verschiebt), später aber auch die roten Fasern.
Betrachtet man die MHC-Isoformen so überrascht ein hoher Anteil von Fasern
(28,5%), die gleichzeitig MHC-I und MHC-IIA enthalten, während bei jüngeren
diese Kombination nur in 1-5% der Fälle. Wenn man eine Faser der Länge nach
untersucht, so erkennt man eine Faserumwandlung in Teilen der Zelle.
Dies spricht für einen Verlust der Koordination in der Fasersteuerung im Alter.
U.K. (Andersen JL: Muscle fiber type adaptation in the elderly human muscle.
Scand J Sci Sports 13 (2003) 40-47)
Alter und
Leistungsfähigkeit
Gentechniker kreieren Marathon-Mäuse
Gendoping
SAN DIEGO. Wofür Langstreckenläufer sich jahrelang plagen müssen, wurde den
“Supermäuse” aus zwei US-Labors ins Erbgut gelegt: Durch genetische
Manipulation wurde die Ausdauer der Tiere deutlich erhöht. Die Erkenntnisse
bereiten Doping-Experten bereits Kopfzerbrechen.
Langstreckenläufer müssen sich jahrelang trainieren, um ihre Leistung
langsam zu steigern. Beim Training gehen die Athleten bewusst an ihre
Grenzen. Sie verausgaben sich bis dem Energiestoffwechsel der Muskelzellen
der Sauerstoff ausgeht, und er den Energieträger Zucker nicht mehr
vollständig abbaut. Der Körper greift dann auf die Glykogenreserven des
Muskels zurück, die er mittels Glykogenolyse, ohne Sauerstoff bis zum Laktat
abbaut.
Der Laktatwert verursacht einen Muskelkater und ist ein beliebter
Laborparameter im Leistungssport, wo er die Grenze der Belastbarkeit
anzeigt. Zellbiologisch markiert er den Übergang von der aeroben zur
anaeroben Energiegewinnung. Auf molekularer Ebene wird der Wechsel ausgelöst
durch die Freisetzung des “hypoxia inducible transcription factor-1” oder
“HIF-1”.
Wenn HIF-1 fehlt, setzt die Zelle die aerobe Energiegewinnung auf Gedeih und
Verderb fort. Die Gruppe um Randall Johnson von der Universität von
Kalifornien in San Diego hat mit gentechnischen Mitteln eine “Knock-out”-Maus
kreiert, der das HIF-1 fehlt (PLOS Biology 2004; 2: e288). Die Tiere
entwickelten sich zu “Super-Mäusen”. Ihre Ausdauer war gegenüber den
normalen Mäusen deutlich gesteigert. Vor allem bergauf hielten die
Super-Mäuse länger durch. Bergab waren sie dagegen im Nachteil, vermutlich,
weil hier der aerobe Stoffwechselweg von größerer Bedeutung ist.
Trotz der Höchstleistung stieg der Laktat-Spiegel der Tiere nicht an. Also
ideale Voraussetzungen für den Leistungssport? Wohl kaum. Schon nach vier
Tagen zeigte sich, dass HIF-1 eine durchaus sinnvolle Funktion im Körper
hat. Die Muskelzellen der “Super-Mäuse” waren deutlich geschädigt, wodurch
die Tiere waren nicht mehr zu Höchstleistungen in der Lage waren. Dies
erklärt auch, warum Menschen mit dem McArdle-Syndrom nicht zu
Olympia-Siegern werden, sondern unter einer Muskelschwäche leiden. Dem
McArdle-Syndrom liegt ein Enzymmangel zugrunde, der den Abbau des Glykogens
verhindert. Die Pathogenese ist zwar eine andere als bei der HIF-1-Maus. Die
Ergebnisse sind jedoch die gleichen.
Wie bei den “Super-Mäusen” können die Patienten das Muskelglykogen nicht
verwerten. Nach Angaben der Autoren kennen auch Patienten mit
McArdle-Syndrom den “zweiten Rückenwind”, der ihnen ein längeres Trainung
erlaubt, ohne dass das Laktat ansteigt. Den Patienten ist jedoch die Lust am
Sport längst vergangen. Symptome des McArdle-Syndroms sind Schwäche (Myasthenie),
Steifheit und Schmerzen (Myalgie) der Skelettmuskulatur, assoziiert mit
Myoglobinurie durch Zelluntergänge.
Ronald Evans vom Salk-Institut in La Jolla/Kalifornien modifizierte seine
Versuchsmäuse auf eine andere Weise, um die Ausdauer zu stärken.
Beharrliches Ausdauertraining führt beim Menschen dazu, dass der Anteil der
so genannten “langsamen” Typ-1-Muskelfasern ansteigt. Diese Fasern sind
spezialisiert auf den aeroben Stoffwechsel. Sie enthalten eine hohe Zahl von
Mitochondrien und können den Sauerstoff optimal verwerten. Dies geht
allerdings auf Kosten der Schnelligkeit.
Die Muskeln von Marathonläufern bestehen deshalb zu 90 Prozent aus den
“langsamen” Typ-1-Muskelfasern. Die Muskeln von 100-Meter-Sprintern bestehen
dagegen zu 80 Prozent aus den “schnellen” Typ-2-Muskelfasern. Das sind
Zellen, die sich auf den schnellen Verbrauch auf Glykogen spezialisiert
haben. Die Reserven sind jedoch relativ schnell verbraucht. Dem Sprinter
geht deshalb schnell die “Luft” aus.
Die “langsamen” Typ-1-Muskelfasern haben einen weiteren Vorteil, der die
Motivation vieler Menschen für das Jogging erklären mag. Sie sind besser in
der Lage, Körperfett zu verbrennen. Der Aufbau von Typ-1-Muskelfasern wird
durch ein Eiweiß namens PPARdelta gesteigert. Die Gruppe um Ronald Evans vom
Salk-Institut in San Diego war auf dieses Eiweiß gestoßen, weil sie nach
neuen Medikamenten suchte, die die Verbrennung von Fett im Körper verbessert
und dadurch als ein Mittel gegen die Adipositas wäre.
Im Rahmen dieser Versuche wurden Mäuse kreiert, die besonders viel PPARdelta
bilden (PLOS Biology 2004; 2: e294) Diese Tiere waren nicht nur schlanker.
Nach einer 97-Tage Fettmast wogen sie ein Drittel weniger als die
Kontrolltiere. Sie waren auch körperlich fitter. Im Laufrad liefen sie
doppelt so lange Strecken wie die Kontrolltiere.
Auch die Industrie ist an der Entwicklung von Medikamenten, die die
Aktivität von PPARdelta steigern, sehr interessiert. So untersucht die Firma
GlaxoSmithKline derzeit eine Substanz mit der Bezeichnung GW501516. Sie ist
als Lipidsenker in der klinischen Entwicklung. Falls das Medikament auch die
Ausdauer stärken sollte, was derzeit reine Spekulation ist, dann könnte sich
diese Nebenwirkung schnell zur Hauptindikation im Sinne eines unerlaubten
Dopings entwickeln.
Farnaz Khadem, eine Sprecherin der World Anti-Doping Agency, hat bereits
erklärt, dass es sie nicht überraschen würde, wenn Athleten derartige Mittel
ausprobieren würden, sollte das Medikament auf den Markt kommen. Sicher ist
dies nicht. Kürzlich berichteten andere Forscher, dass GW501516 bei
Versuchstieren das Wachstum von intestinalen Adenomen beschleunigt (Nature
Medicine 2004;10: 245-7).DEUTSCHES ÄRZTEBLATT 24.08.2004
Links zum Thema
Die Studie Johnson als PDF-Datei
http://www.plosbiology.org/archive/1545-7885/2/10/pdf/10.1371_journal.pbio.0020288-p-S.pdf
Die Studie als PDF-Datei
http://www.plosbiology.org/archive/1545-7885/2/10/pdf/10.1371_journal.pbio.0020294-p-S.pdf
Pressemitteilung der University of California in San Diego
http://ucsdnews.ucsd.edu/newsrel/science/mcaerobic.asp
Pressemitteilung von PLOS-Biology
http://www.eurekalert.org/pub_releases/2004-08/plos-ee081704.php
Pressemitteilung des Howard Hughes Medical Institute
http://www.hhmi.org/news/evans4.html
Pressemitteilung des Salk Institute
http://www.eurekalert.org/pub_releases/2004-08/si-mmc082304.php
Gendoping
„Repoxygen haben wir im Kühlfach”
Von Hans-Joachim Waldbröl

31. Januar 2006 Aus
Oxford kam am Montag ein Dementi zum Thema Gendoping. "Wir stellen
Repoxygen nicht her, der Wirkstoff ist in unserem Kühlfach eingefroren",
versicherte Professor Alan Kingsman, vormaliger Lehrstuhlinhaber für
Biochemie an der renommierten englischen Universität und 1996 Gründer
der Pharmafirma "Oxford BioMedica", auf Anfrage der F.A.Z.

Im E-Mail-Verkehr des früheren Leichtathletiktrainers Thomas
Springstein, bei dessen Hausdurchsuchung Mitte 2004 neben zahlreichen
Dopingmitteln ebenfalls elektronische Daten sichergestellt wurden,
spielt der Einsatz von "Repoxygen" eine Schlüsselrolle
(Siehe:
FAZ.NET-Spezial: Das Zeitalter des Gendopings hat begonnen).
Es dient, wie bislang offiziell nur im Versuch mit Mäusen nachgewiesen,
der genetischen Förderung der körpereigenen Produktion von
Erythropoeitin (Epo), das die Ausschüttung der roten Blutkörper steuert.
Im Leistungssport ein relevanter Effekt, weil eine Vermehrung von Epo
zugleich eine erhöhte Kapazität des Sauerstofftransportes bedeutet - und
mithin eine Steigerung der Ausdauerfähigkeit von Athleten bewirkt.
Längst überholte
Befürchtung?
Daß die unter Umständen
lebensbedrohliche Steigerung des Hämoglobinanteils sich durch den
Einsatz von Repoxygen zwar anregen lasse, aber bislang noch nicht
bekannt sei, ob sich die Produktion auch wieder stoppen lasse, könnte
eine längst überholte Befürchtung sein. In einer Schrift, mit der Oxford
BioMedica seine Erkenntnisse am 27. Oktober 2004 beim europäischen
Patentamt in München registrieren ließ, wird sehr wohl festgestellt:
Repoxygen steigere zwar die körpereigene Epo-Produktion; aber wenn der
Körper, populär ausgedrückt, seinen erhöhten Bedarf feststelle, fahre er
die Produktion der roten Blutkörperchen wieder herunter.
Diese Erkenntnis deckt sich mit
dem Wissen des Heidelberger Molekularbiologen und Dopingforschers
Professor Werner Franke, dem die neueste Patentschrift des englischen
Wissenschaftlers vorliegt. Professor Kingsman erwähnt von diesen
Forschungserkenntnissen seiner Biochemiker nichts, beruft sich aber auf
"vorklinische Studien" zwischen 2000 und 2002 mit dem Wirkstoff
Repoxygen - getestet aber eben nur an Mäusen. Warum Oxford BioMedica
keine weitere Erfahrung mit der humanmedizinischen Anwendung gesammelt
und nicht versucht hat, auf der Basis seiner "extrem erfolgreichen
vorklinischen Studien" in die Herstellung und Verbreitung einzusteigen,
begründet der BioMedica-Chef mit einem kommerziellen Motiv: "Wir haben
keine realistische Chance gesehen, auf dem Weltmarkt den Wettstreit mit
dem amerikanischen Unternehmen Amgen zu gewinnen, das einen enormen
Absatz vom künstlich hergestellten Epo hat." Die Medikamente dienen der
Behandlung von Anämiekranken.
Beratung des IOC
Gleichwohl räumt Kingsman ein,
daß es "für jedes biochemische Institut einer guten Universität eine
Leichtigkeit ist", die genetisch wirksame Substanz herzustellen. Und auf
die Frage angesprochen, ob eine Herstellung in irgendwelchen
biochemischen Labors den Einsatz der Substanz im Hochleistungssport
wahrscheinlicher mache, sagt Kingsman: "Definitiv ja".
Der englische Biochemiker hat
nach eigenem Bekunden sportlichen Institutionen, die ihr Wissen über
Gendoping erweitern wollten, die Zusammenarbeit angeboten: "Wir beraten
gerne, ob es das Internationale Olympische Komitee (IOC) oder die
deutsche nationale Anti-Doping-Agentur ist." Ein Austausch sei sogar
schon vor knapp drei Jahren erfolgt: "2003 haben wir auf eine Anfrage
der medizinischen IOC-Kommission reagiert."
Text: F.A.Z., 31.01.2006, Nr. 26 / Seite 31
www.faz.net
Der aktuellste Leistungsbeschleuniger aus der Welt der Biomedizin
heißt „Repoxygen“, eine Substanz, die als Medikament nicht zugelassen
ist. „Repoxygen“ könnte die Grundlage sein für die vermehrte Produktion
des Hormons Erythropoietin (Epo), was zu einer unnatürlich starken
Erzeugung der leistungssteigernden roten Blutkörperchen führen kann -
der Athlet ist gedopt, er pfuscht, wobei Gerüchten zufolge das Tolle für
ihn darin liegt, dass ihm das noch niemand nachweisen kann.
Der zurzeit angeklagte Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein wird
genau das gewusst haben, er hat sich ja via E-Mail als jemand geoutet,
der gern „Repoxygen“ bestellen würde. Für seine bisweilen noch
minderjährigen Athleten.
Es zeichnet den Kölner Analytiker Wilhelm Schänzer als obersten
Athleten-Ankläger in Sachen Doping aus, dass er der Diskussion die
Aufgeregtheit nehmen möchte; bisher ist ja die Rede davon gewesen, die
unkontrollierte Einnahme von „Repoxygen“ könne zum Tod führen. Schänzer
jedoch schließt eine Wirkung von „Repoxygen“ für den Menschen aus - weil
die Substanz gar nicht für den Menschen entwickelt worden sei.
Gentechnik
Gene für den Weltrekord
Die Grundlagen des Gen-Dopings
Mit gentherapeutischen Verfahren wollen Mediziner Patienten helfen,
deren Muskeln auf Grund von Alter oder Krankheit zurückgegangen sind.
Aber auch Spitzenathleten haben ein Auge darauf geworfen, um so ihre
Leistung zu steigern. Wann wird Gen-Doping die Natur des Sports
verändern?
Am 10. Februar ist es wieder so weit: Die XX. Olympischen Winterspiele
werden feierlich in Turin eröffnet. Während die weltbesten Individuen in
Sachen Fitness die äußersten Grenzen menschlicher Stärke, Schnelligkeit
und Beweglichkeit austesten, mögen sich manche von ihnen vielleicht auch
auf eine neuere, weniger begeisternde olympische Tradition einlassen:
den Gebrauch von leistungssteigernden Medikamenten. Ungeachtet der
wiederholten Skandale bleibt Doping für viele Athleten unwiderstehlich -
und sei es nur, um mit Konkurrenten Schritt zu halten, die es ebenfalls
tun. Dort wo nur der Sieg zählt, werden Sportler jede Gelegenheit
ergreifen, um wenige zusätzliche Sekundenbruchteile an Geschwindigkeit
zu gewinnen oder ihre Ausdauer ein wenig zu steigern.
Turin 2006
Doch inzwischen mehren sich die Befürchtungen, dass eine neue Art des
Dopings auf uns zukommt, die nicht nachweisbar und daher viel
schwieriger zu verhindern sein wird. Behandlungsstrategien, die Muskeln
regenerieren, ihre Stärke steigern und sie vor dem Abbau schützen, um
Muskelschwunderkrankungen zu therapieren, werden bald das Stadium
klinischer Studien beim Menschen erreichen. Darunter sind auch
Therapieansätze, bei denen die Patienten ein künstliches Gen bekommen,
das über Jahre im Körper bleiben kann und große Mengen natürlicher
Proteine produziert, die dem Muskelaufbau dienen.
Alles für den Sieg
Diese Art der Gentherapie soll Menschen helfen, die an Muskeldystrophien
leiden. Doch auch für Athleten, die sich dem Doping verschrieben haben,
könnte damit ein Traum wahr werden: Die Moleküle lassen sich nicht von
ihren natürlichen Gegenstücken unterscheiden und entstehen nur lokal in
den Muskelgeweben. Sie gelangen nicht in die Blutbahn, sodass sie auch
in einer Urinprobe nicht nachgewiesen werden können. Die internationale
Anti-Doping-Behörde (WADA) hat bereits Wissenschaftler aufgefordert,
Verfahren zu finden, mit denen sich Gentherapie als neueste Variante des
Dopings verhindern lässt. Aber sobald gentherapeutische
Behandlungsstrategien die klinischen Studien verlassen und sich immer
weiter etablieren, könnte es unmöglich werden, Athleten den Zugriff
darauf zu verweigern.
Dabei sind die Methoden, welche die Muskulatur genetisch verbessern
sollen, nicht für Spitzensportler entwickelt worden. Mit ihnen wollte
man vielmehr einen alters- oder krankheitsbedingten Abbau der
Skelettmuskulatur verhindern. So fehlt auf Grund einer Genmutation bei
einer der häufigsten und schwersten Muskelschwunderkrankungen - der
Duchenne-Muskeldystrophie - das Protein Dystrophin. Es schützt
Muskelfasern vor Verletzungen, die während der normalen Bewegung
auftreten können. Fehlt das Protein, dann sterben die Muskelfasern ab
und werden durch Bindegewebe und Fett ersetzt.
Muskelfaser
Doch auch mit Dystrophin werden die Muskelfasern beim normalen Gebrauch
verletzt. Tatsächlich gehen Wissenschaftler davon aus, dass
mikroskopisch kleine Risse in den Fasern, die während des Trainings
entstehen, für den Körper ein Signal darstellen, neue Muskelmasse
aufzubauen. Dabei spielen sowohl wachstumsfördernde als auch
wachstumshemmende Faktoren eine wichtige Rolle.
Einer davon ist der Wachstumsfaktor IGF-1 (insulin like growth factor).
Unsere Arbeitsgruppe an der Universität von Pennsylvania versuchte
zusammen mit Nadia Rosenthal und ihren Mitarbeitern von der
Harvard-Universität, mit IFG-1 die Muskelfunktion zu verändern. Wir
wussten, dass das IGF-Protein innerhalb von Stunden abgebaut wird, wenn
wir es einfach in den Muskel injizieren. Wenn aber das entsprechende Gen
erst einmal in einer Zelle eingebaut ist, dann sollte es für die
Lebensdauer dieser Zelle weiter funktionieren - und Muskelfasern
erweisen sich als äußerst langlebig. Eine einmalige Gabe des IFG-1-Gens
könnte möglicherweise bei älteren Menschen für den Rest ihres Lebens
ausreichen.
Viren als Gentaxi
Doch wie bringt man ein ausgewähltes Gen in das gewünschte Gewebe? Wie
viele andere Forscher wählten wir ein Virus als Transportvehikel. Das zu
den Parvoviren gehörende Adeno-assoziierte Virus (AAV) infiziert
menschliche Muskelzellen, löst aber keine bekannten Krankheiten aus. Ein
zusätzliches künstliches Gen bewirkte, dass IGF-1 nur im Skelettmuskel
produziert wurde. Tatsächlich stieg in jungen Mäusen nach Injektion
dieser AAV-IGF-1-Kombination die Wachstumsrate der Muskulatur um 15 bis
30 Prozent - obwohl sich die Mäuse kaum bewegten. Und als wir das Gen in
die Muskeln ausgewachsener Mäuse injizierten und sie alt werden ließen,
nahm ihre Muskulatur nicht mehr ab.
Im nächsten Schritt stellte Rosenthal genetisch veränderte Mäuse her,
die IGF-1 im gesamten Skelettmuskel überproduzierten. Abgesehen von
ihrer zwischen 20 bis 50 Prozent größeren Muskulatur entwickelten sie
sich vollkommen normal. Auch im Alter behielten die Nager ihre Fähigkeit
zur Muskel-Regeneration, wie sie für jüngere Tiere typisch ist. Und der
IGF-1-Spiegel war nur in den Muskeln erhöht - nicht im Blutstrom. Dies
ist wichtig, da hohe Mengen an zirkulierendem IGF-1 Herzprobleme
verursachen und das Krebsrisiko erhöhen können. Weitere Experimente
zeigten, dass die Überproduktion an IGF-1 die Muskelreparatur
beschleunigt - selbst in Mäusen mit einer schweren Form von
Muskeldystrophie.
Genetisch fitte Ratten
Die gesteigerte lokale IGF-1-Produktion bringt uns dem zentralen Ziel
einer Gentherapie zum Kampf gegen Muskelschwunderkrankungen näher: Die
enge Verbindung zwischen Muskeleinsatz und seiner Größe wird
durchbrochen. Dass dieses simulierte Muskeltraining auf Spitzensportler
anziehend wirkt, ist nahe liegend - könnten doch die gleichen
gentherapeutischen Methoden dazu benutzt werden, die Leistung gesunder
Muskeln zu steigern. Gemeinsam mit dem Sportphysiologen Roger Farrar von
der Universität von Texas haben wir diese Theorie überprüft [1].
Wir injizierten AAV-IGF-1 in jeweils ein Bein von Laborratten und
unterzogen die Tiere einem achtwöchigen Training. Danach hatten die mit
AAV-IGF-1 behandelten Muskeln beinahe doppelt so viel an Stärke gewonnen
wie die unbehandelten. Außerdem büßten sie ihre Stärke viel langsamer
ein als die normalen Muskeln. Selbst bei ruhenden Ratten sorgte
AAV-IGF-1 für einen 15-prozentigen Muskelzuwachs - ähnlich wie wir es in
den früheren Mausexperimenten gesehen hatten. Bis jedoch
Muskeldydtrophien beim Menschen tatsächlich mit AAV-IGF-1
gentherapeutisch behandelt werden, dürfte noch mindestens ein Jahrzehnt
vergehen.
Es gibt jedoch noch einen weiteren Ansatz, um das
Muskelwachstum zu fördern: Medikamente, die das
Protein Myostatin blockieren. Dieses Protein scheint
während der gesamten Embryonalentwicklung sowie beim
Erwachsenen das Muskelwachstum zu hemmen und fördert
möglicherweise den Schwund, wenn der Muskel weniger
beansprucht wird. Experimente mit gentechnisch
veränderten Mäusen weisen darauf hin, dass die
Abwesenheit dieses Antiwachstumsfaktors zu erheblich
gesteigerter Muskelmasse führt - sowohl durch
übermäßige Vergrößerung als auch durch Vermehrung
der Muskelfasern.
Blockierte Blockade
Pharmazeutische und biotechnologische Unternehmen
arbeiten bereits an einer Reihe von
Myostatin-Inhibitoren - schließlich erregt die
Möglichkeit, Masttiere mit höherem Fleischgehalt zu
züchten, ein erhebliches kommerzielles Interesse.
Die Natur hat bereits mit Rinderrassen wie dem "Belgian
Blue" und dem Piemonteser-Fleischrind Beispiele
geliefert, die den Effekt einer Myostatin-Blockade
zeigen. Beide Rassen produzieren auf Grund einer
Mutation eine verkürzte, nutzlose
Myostation-Variante. Ihre schier maßlose Muskulatur
wirkt noch beeindruckender, weil die Abwesenheit von
Myostatin auch die Fetteinlagerung beeinträchtigt.
Als erste Myostatin blockierende Medikamente wurden
Antikörper gegen Myostatin entwickelt, wovon einer
demnächst in klinischen Studien mit
Muskeldystrophie-Patienten getestet werden soll. Ein
anderer Ansatz ahmt die Mutation der Rinder nach:
Eine kleinere Variante des Myostatins dockt zwar an
die entsprechenden Bindungsstellen an - und
verdrängt damit normales Myostatin -, bleibt aber
ansonsten wirkungslos. Mäuse, denen dieses
synthetische Protein injiziert wird, entwickeln eine
Skelettmuskel-Hypertrophie.
Myostatin blockierende Substanzen haben auch eine
nahe liegende Anziehung auf gesunde Menschen, die
ihre Muskulatur schneller wachsen lassen möchten.
Sie können leicht verabreicht werden - und lassen
sich sofort wieder absetzen -, sie sind aber auch
für Sportaufsichtsbehörden leicht mit einem Bluttest
nachzuweisen.
Schwerer Nachweis
Anders sieht es dagegen bei einem gentherapeutischen
Ansatz aus: Das Genprodukt kann ausschließlich im
Muskel gefunden werden - nicht im Blut oder Urin -
und wäre identisch zu seinem natürlichen Gegenstück.
Nur mit einer Muskelbiopsie ließe sich ein
spezifisches künstlich hergestelltes Gen oder ein
Virus als Genfähre nachweisen. Jedoch sind viele
Menschen natürlicherweise mit Adeno-assoziierten
Viren infiziert, sodass ein Test keinen Aufschluss
über Doping geben könnte. Außerdem dürften die
wenigsten Sportler vor einem Wettkampf einer
invasiven Biopsie zustimmen, weshalb diese Art von
genetischer Verbesserung praktisch unsichtbar
bleiben müsste.
Und wie verkraftet der Körper ein rapides
Muskelwachstum von 20 bis 40 Prozent? Könnte ein
Athlet, der mit genetisch aufgeblasener Muskulatur
in den Wettkampf steigt, genügend Kraft ausüben, um
seine eigenen Knochen zu brechen oder seine Sehnen
zu zerreißen? Wahrscheinlich nicht. Hier ist die
Gefahr bei älteren Menschen, deren Knochen durch
Osteoporose geschwächt sind, viel größer. Bei
gesunden jungen Menschen sollte ein sich über
mehrere Wochen oder Monate erstreckendes
Muskelwachstum den stützenden Skelettelementen Zeit
geben, ebenfalls zu wachsen, um ihren neuen
Anforderungen gerecht zu werden.
Dies sind nur wenige der vielen Fragen, die mit
Tierversuchen geklärt werden müssten, bevor
genetische Methoden für eine reine
Leistungssteigerung bei Gesunden auch nur in
Betracht gezogen werden kann. Dennoch: Wenn die
Gentherapie kurz davor steht, sich zu einer echten
medizinischen Behandlungsstrategie zu entwickeln,
ist es bis zum Gen-Doping nicht mehr weit. Dabei
stellt die Vergrößerung der gesamten Muskulatur nur
einen möglichen Weg dar. Bei Sportarten wie Sprinten
könnten regulierende Gene, die Muskelfasern in den
schnellen Typ umwandeln, ebenso begehrenswert
erscheinen. Für Marathonläufer wäre dagegen eine
Steigerung der Ausdauer ausschlaggebend.
Mit Epo zum Erfolg?
Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Muskel das
erste Ziel für genetische Verbesserung sein, aber
andere könnten schließlich folgen. Die Ausdauer wird
zum Beispiel auch durch die Sauerstoff-Menge
beeinflusst, welche die Muskeln erreicht.
Erythropoietin ist ein natürlich vorkommendes
Protein, das die Entwicklung Sauerstoff
transportierender roter Blutkörperchen anregt. Seine
synthetische Form, ein Medikament namens Epoietin
oder kurz Epo, wurde entwickelt, um Blutarmut zu
behandeln. Vielfach haben es jedoch Sportler
missbraucht - am offensichtlichsten bei der Tour de
France 1998: Ein komplettes Team musste damals vom
Rennen ausgeschlossen werden. Trotzdem geht der
Epo-Missbrauch im Sport weiter.
Bei Tieren wurde bereits versucht, per Gentransfer
die Erytropoietin-Produktion anzuregen - mit
Ergebnissen, die vor Augen führen, welche
potenziellen Gefahren hier lauern: 1997 und 1998
hatten Wissenschaftler künstliche
Erythropoietin-Gene bei Affen eingebaut. In beiden
Experimenten verdoppelte sich die Zahl der roten
Blutkörperchen der Tiere innerhalb von zehn Wochen.
Dadurch wurde das Blut so dick, dass es regelmäßig
verdünnt werden musste, um ein Herzversagen zu
verhindern.
Fluch oder Segen?
Die britische Firma Oxford Biomedica produziert
bereits eine Arznei namens "Repoxygen", die sowohl
die genetische Bauanleitung für Epo als auch virales
Erbgut als Genvektor enthält. Die Befürchtungen
werden daher immer lauter, dass hier ein großer
Markt für gentechnische Manipulationen am Menschen
heranwächst - so wie technisch versierte Personen
sich der Herstellung und dem Verkauf so genannter
Designerdrogen verschrieben haben. Einen solchen
Missbrauch zu überwachen, wird sich auf Grund
mangelnder Nachweismethoden als deutlich schwerer
erweisen denn bei herkömmlichen Medikamenten.
Allerdings werden einige dieser Gentherapien in den
kommenden Jahrzehnten als sicher gelten und für alle
zur Verfügung stehen. Falls in Zukunft gentechnische
Verbesserungen umfassend eingesetzt werden, um die
Lebensqualität zu steigern, dann wird die ethische
Haltung der Gesellschaft zur Manipulation unserer
Gene wahrscheinlich ganz anders aussehen als heute.
Manche Sportfunktionäre räumen bereits ein, dass
muskelregenerierende Therapien durchaus nützlich
sein könnten, damit sich Sportler von Verletzungen
erholen können.
Werden wir also eines Tages dank Gentransfer aus der
ganzen Menschheit Superathleten machen? Obwohl sie
noch in den Kinderschuhen steckt, birgt die
Gentechnik sicherlich ein schreckliches Potenzial,
sowohl für den Sport als auch für unsere
Gesellschaft. Die ethischen Streitfragen rund um die
genetische Verbesserung sind vielfältig und komplex.
Wir sollten darüber debattieren, bevor diese Macht
eingesetzt wird.
Lee Sweeny
Der Autor leitet die Abteilung für Physiologie an
der Medizinischen Fakultät der Universität von
Pennsylvania in Philadelphia.
Quellen:
[1]
Journal of Applied Physiology 96: 1097-1104
(2004),
Abstract
Unternehmen soll
Gendoping-Nachweis entwickeln
Dortmund (dpa) - Ein Verfahren zum Nachweis von
Gendoping soll das Dortmunder
Biotechnologieunternehmen Chimera Biotec im Auftrag
der Welt-Anti-Doping-Agentur
(WADA) entwickeln.
Wie die Wirtschaftsförderung Dortmund mitteilte,
arbeitet das Unternehmen dabei mit einer
Forschergruppe der Sporthochschule Köln zusammen.
Zunächst soll die grundsätzliche Machbarkeit eines
solchen Nachweisverfahrens geklärt werden, hieß es.
Anschließend soll ein standardisierter Dopingtest
entwickelt werden.
Gendoping, bei dem manipulierte Erbanlagen in die
Zellen eingeschleust werden, ist den Angaben zufolge
mit konventionellen Methoden bislang nicht
nachzuweisen. In diesem Fall produzieren die Zellen
des Athleten leistungssteigernde Substanzen, wie zum
Beispiel das Hormon Erythropoietin (EPO). Während
die Einnahme von körperfremden EPO mit herkömmlichen
Tests nachgewiesen werden kann, ist das mittels
Gendoping von den eigenen Zellen produzierte EPO für
die Kontrolleure bisher nicht aufzuspüren.
Abhilfe schaffen soll nun eine Technologie mit der
Bezeichnung «Imperacer». Die Nachweisgrenze liege im
Vergleich zu ähnlichen Verfahren bei einem
Tausendstel der bislang feststellbaren Menge, hieß
es.10 März 2006
LEISTUNGSSTEIGERUNG / Studie ist neuen Formen des
Sportbetrugs auf der Spur
Der eigene Körper als
Doping-Produzent
Veränderte Gene als Versuchung nicht nur im
Spitzenbereich - Suche nach Kontrollmöglichkeiten
Der gen-manipulierte Super-Athlet ist Realität.
Unter Mäusen. Nun stellt sich die Frage, ob es so
skrupellose Sportler und Wissenschaftler gibt, die
solche Versuche auf den Menschen übertragen. Einige
Doping-Fachleute befürchten das. Schließlich lockt
ein ganz großes Geschäft.
Die Dortmunder Firma Chimera Biotec und die Deutsche
Sporthochschule Köln haben von der
Welt-Anti-Doping-Agentur einen Auftrag: Sie sollen
ein Verfahren finden, mit dem Gen-Doping
nachgewiesen werden kann. Der Leiter der Kölner
Arbeitsgruppe, Patrick Diel, gibt sich keinen
Illusionen hin. Einen schnellen Erfolg gibt es dabei
nicht. Für die Jagd auf solche Betrüger braucht es
langen Atem. Sie greifen auf alles zurück, was
Erfolg verspricht. Bestes Beispiel ist der
Balco-Skandal um die
Designer-Droge THG, die Leichtathleten wie
Kelli White (USA) und den Briten Dwain Chambers zu
Höchstleistungen trieb. Diel: "Das ist richtig
dreckiges Zeug. Bevor die Sportler es bekommen
haben, wurde es nicht mal an Mäusen getestet. Der
einzige Vorteil war, dass es niemand kannte." Diese
Erfahrungen nähren Diels Verdacht, dass Gen-Doping
keine Fiktion mehr ist: "Es ist in Tierversuchen
machbar. Es gibt Wissenschaftler, die geil darauf
sind, Menschen zu klonen. Es gibt Athleten, die
danach geifern, ihre Muskeln um einen Zentimeter
sprießen zu lassen." Einem amerikanischen Kollegen
haben sich dutzendweise Athleten als
Versuchspersonen angeboten. Da liegt es nahe, dass
solche Versuche irgendwann auch gemacht werden. Es
geht nicht um die Produktion eines geklonten
Super-Athleten. Es geht um den Missbrauch der
Gen-Therapie, um die Steigerung von Muskelmasse,
längere Muskelfasern und die körpereigene Produktion
von Ausdauer- oder
Wachstumshormonen. Vor allem geht es darum,
dass der Betrug nicht nachweisbar ist, weil der
Körper sein Doping selbst produziert, und die
Fahnder nicht wissen, nach was sie suchen sollen.
Die Gen-Forschung läuft auf Hochtouren. Getestet
wird an Tieren. Ehe ein Mensch mit einem neuen
Präparat behandelt werden darf, muss die
Ethikkommission zustimmen. Was sie nur bei Patienten
tut, die mit herkömmlichen Therapien keine Chance
haben. Wer auf den Missbrauch aus ist, den
interessieren diese Vorgaben nicht. Manche Menschen
sind von Natur aus besonders ausgestattet. So fanden
Molekularbiologen im Erbgut des in den 60er Jahren
dominierenden Ski-Langläufers Eero Mantyranta eine
seltene genetische Mutation, die ihn das Epo-Hormon
besser aufnehmen ließen.
Erythropoietin (Epo) kurbelt die Produktion
roter Blutkörperchen an, die wiederum für den
Transport des Sauerstoffs verantwortlich sind.
Ähnlich der Fall eines Jungen, dessen Körper kein
Myostatin produziert. Dieses Protein hemmt das
Muskelwachstum. Fehlt es, wachsen die Muskeln stark.
Einen ähnlichen Defekt haben Rinder der Rasse "Belgian
Blue", die doppelt so viel Muskelmasse besitzen wie
ihre Artgenossen. Gen-Forscher hoffen nun über die
Hemmung des Myostatins Kindern helfen zu können, die
an einem Abbau der Skelett- und Herzmuskulatur
leiden. "Aber wenn die Myostatin-Hemmung
funktioniert, ist das auch die perfekte
Life-Style-Droge. Fettpölsterchen schwinden, Muskeln
wachsen", sagt Diel. Wer den Weg findet, die
Produktion des Myostatins zu hemmen - egal ob auf
pharmakologischem oder genetischem Weg - wird
dankbare Abnehmer finden. 1997 erblickten Mäuse mit
gehemmtem Myostatin und entsprechenden Super-Muskeln
das Licht der Welt. "Die sehen aus, als hätten sie
mit Schwarzenegger trainiert", beschreibt Diel, was
in den Labor-Kellern vor sich geht. Für noch mehr
Schlagzeilen sorgten die Marathon-Mäuse. Von
US-Forschern aufs Laufband gesetzt, rannten sie 1800
Meter, ehe sie umkippten. Ihre Artgenossen im Feld
machen schon nach der Hälfte schlapp. Auch hier ist
ein verändertes Gen im Spiel, mit dessen Hilfe
vermehrt das Protein PPARDelta in den Muskeln
produziert wird. Dadurch nahmen Mäuse, die mit einer
fettreichen Diät beglückt wurden, ein Drittel
weniger zu als die Konkurrenz. Stattdessen bauten
sie Muskeln auf, die für die Ausdauer wichtig sind.
Die Tiere verhielten sich wie Hochleistungssportler,
und das ganz ohne Training. Verlockende Aussichten
für die einen, erschreckendes Szenario für die
anderen. Die Gene können relativ einfach in den
Körper eingeschleust werden. Beispiel Epo. "Dafür
gibt es schon Anleitungen wie für die Backmischung
von Dr. Oetker", sagt Diel. Im Tierversuch ist alles
durchexerziert: Das Epo-Gen wird zusammen mit einem
Plasmid in die Skelettmuskulatur gespritzt. Plasmide
sind Moleküle, die das Gen in sich tragen und an die
Zellen liefern. Als Fähre gewissermaßen. Einmal dort
angekommen, wird das Gen aktiviert. Die Gefahr
dabei: Das Gen arbeitet unkontrolliert. Die roten
Blutkörperchen vermehren sich derart, dass das Blut
extrem dickflüssig wird und das Herz versagt. Ein
Problem, das auch vom Doping mit künstlichem Epo
bekannt ist. Doch die Wissenschaft hat darauf
reagiert: "Es wurde ein Weg gefunden, wie das Gen
mit einer Hautcreme ein- und ausgeschaltet werden
kann", schildert Diel. Der Hämatokrit, Messwert für
die Zähigkeit des Blutes, war bei den
gen-veränderten Mäusen normal. Dann wurden sie
eingecremt, und innerhalb von zwei Stunden schnellte
der Wert hoch. Ließ die Konzentration nach, sank er
wieder. Die Erfolge der Gen-Forschung geben schwer
kranken Menschen Hoffnung. Aber abgesehen von
ethischen Bedenken eröffnen sie eine neue Dimension
der Sportmanipulation. "Es ist eine weitere
Möglichkeit des Betrugs. Allerdings eine, die
leichter, gezielter und individueller eingesetzt
werden kann", sagt Diel. Er warnt davor, die Augen
zu verschließen: "Auch an Epo-Doping hat lange
niemand geglaubt. Oder an Wachstumshormone. Die gab
es nicht, bis die chinesischen Schwimmer am Zoll mit
Koffern voller Ampullen erwischt wurden." Diel kommt
aus der Pharmaindustrie, nutzt seine Kontakte, um
herauszufinden, an was dort gearbeitet wird und was
sich für den Sport missbrauchen lässt. So entdeckte
er früh das Potenzial des Myostatins: "Wenn jemand
es schafft, an die Antikörper zu kommen, die das
Myostatin blockieren, hat er das ideale
Doping-Mittel." Schwieriger Nachweis Voraussetzung
für einen effektiven Nachweis des Myostatin-Dopings
ist die Kenntnis über die Steuerung des Gens. Diese
wird in der Kölner Studie erforscht. Dort werden die
Myostatin-Stoffwechselmuster von jungen Männern bei
unterschiedlicher körperlicher Belastung untersucht.
Wie das neue Nachweisverfahren letztlich aussehen
wird, wann es auf den Markt kommt - all das ist
nicht absehbar. "Wir betreiben Grundlagen-Forschung.
Klar ist, dass wir um Blutkontrollen nicht
herumkommen", sagt Diel. Dank der von der Firma
Chimera entwickelten Technologie genügen ein paar
Tropfen Blut aus dem Ohrläppchen für einen Test. Das
wäre eine Verbesserung zum aktuellen Test, bei dem
Blut aus der Vene abgenommen werden muss. "Auf jeden
Fall müssen wir weg davon, uns ständig um diesen
blödsinnigen Urin zu kümmern. Der aktuelle Epo-Test
ist für mich eine einzige Farce", kritisiert Diel.
Es gibt also genug zu tun für die Doping-Fahnder.
"Langweilig wird es jedenfalls nicht", meint der
43-Jährige schmunzelnd. Nicht mal beim
Marathon-Training. Da wurde Diel kürzlich von einem
Läufer angesprochen, der "ein bisschen" Epo haben
wollte. "Der hat gemeint, ich säße an der Quelle.
Als ich ihm klar machte, dass ich in der
Doping-Prävention arbeite, hat er sich schnell
davongemacht." Das zeigt, dass auch jenseits des
Spitzensports ein ertragreiches Feld für
Doping-Händler liegt. "Ehrgeizige Athleten probieren
alles. Sie nehmen sogar den Tod in Kauf", vermutet
Diel. Fakt ist: Irgendwann wird der erste
gen-manipulierte Sportler unterwegs sein. Wissen
werden wir es erst, wenn ein Beteiligter auspackt
oder ein Test funktioniert hat.
SWP - 05.04.2006
http://www.hz-online.de
Gendoping: Hochsensitives
Nachweisverfahren für transgene DNA
vorgestellt
Spezialisten befürchten seit
einiger Zeit die Anwendung
genetischer Manipulationen im
Spitzensport. Beim so genannten
Gendoping wird DNA von
leistungsrelevanten Genen in die
Körperzellen der Sportler
eingeschleust. Diese transgene DNA
sorgt dann vor Ort für eine erhöhte
Produktion körpereigener
leistungssteigernder Stoffe. Möglich
wird dies beispielsweise durch die
Verwendung geeigneter Viren als
Genfähren, die transgene DNA
entweder ins menschliche Genom
integrieren oder im Zellplasma
einlagern können. Das resultierende
Genprodukt ist mit der natürlichen
Substanz identisch und lässt sich
daher nicht nachweisen. Perikles
Simon von der Abteilung Sportmedizin
der Medizinischen Universitätsklinik
Tübingen hat jetzt ein Verfahren
entwickelt mit dem sich geringste
Spuren transgener DNA auch im Blut
nachweisen lassen.08.05.2006
Quelle:
idw/Universitätsklinikum Tübingen
Medizinische Universitätsklinik
Tübingen 12.05.2006
Aus für Gendoping-Sünder
Neue Methode kann transgene DNA im Blut nachweisen
Forscher der Abteilung Sportmedizin der
Medizinischen Universitätsklinik Tübingen haben ein
Verfahren entwickelt, mit dem sich Gendoping im Blut
nachweisen lässt. Bei Gendoping wird DNA der Gene,
die die Leistungsfähigkeit eines Sportlers
mitbestimmen, in die Körperzellen eingeschleust.
Diese transgene DNA sorgt dann vor Ort für eine
erhöhte Produktion körpereigener
leistungssteigernder Stoffe. Das resultierende
Genprodukt ist mit der natürlichen Substanz
identisch und hat sich bisher nicht nachweisen
lassen. Zwar zielt der Einsatz der Gentherapie in
erster Linie auf klinische Anwendungsbereiche.
Dennoch befürchten Spezialisten, dass im
Spitzensport künftig genetische Manipulationen in
Form von Gendoping angewendet werden.
"Gendoping ist sicherlich eine Gefahr für die
Zukunft", bestätigt Günter Gmeiner, Leiter des
Doping-Kontroll-Labors des Austrian Research Centers
Seibersdorf, die allgemeine Annahme im
pressetext-Interview. Gendoping sei prinzipiell
anders als die gängigen Dopingprodukte, die nur
kurzfristig wirken und wovon die Sportler meistens
völlig regenerieren. " Bei Gendoping hingegen ist
nicht vorherzusagen, wie das Gen sich verhält. Auch
gibt es keine Möglichkeit, es wieder aus dem Körper
loszuwerden". Neben dem Verfahren, das bereits jetzt
ein künstlich hergestelltes Epo-Hormon nachweisen
kann, besteht daher auch ein Bedürfnis nach
Gendoping-Testverfahren für andere Gene, so Gmeiner.
Ein geeignetes Gendoping-Testverfahren sollte in der
Lage sein, in einer gängigen Blutprobe von rund 10
ml zumindest einige Moleküle transgener DNA
nachzuweisen. Hieraus erwachsen allerdings zwei
erhebliche technische Schwierigkeiten. Zunächst
einmal ist das Massenverhältnis zwischen der
gesamten in der Blutprobe vorhandenen DNA und der
transgenen DNA etwa mit dem Faktor 1014 anzusetzen.
Hinzu kommt, dass die transgene DNA in einer
durchschnittlichen Blutprobe mit rund zwei bis zehn
Millionen Molekülen der im Gesamtpool vorhandenen
DNA fast identisch ist.
Es fehlt transgener DNA allerdings an bestimmten
Sequenzabschnitten, die in fast jedem menschlichen
Gen vorhanden sind - so genannte Introns. Mit Hilfe
dieses Unterschieds und durch Einsatz und
Modifikation der sich bereits als erfolgreich
erwiesenen single cell PCR, die zur Vervielfältigung
von DNA eingesetzt werden kann, entwickelten die
Forscher der Universität Tübingen ein Verfahren,
dass die wichtigsten dopingrelevanten transgenen
DNAs hochsensitiv nachweisen kann. In Laborversuchen
ist es auf diese Weise gelungen, in der Gesamt-DNA
aus 2 ml Blut vier Moleküle zuvor zugegebener
transgener DNA spezifisch nachzuweisen. Ziel ist es
nun, die Methode so weiter zu entwickeln, dass sie
letztendlich auch für den Einsatz als
Nachweisverfahren von Gendoping in Frage kommt.
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